Frau am Schreibtisch mit Kopfschmerzen

Wenn dein Kiefer dich krank macht und keiner es merkt: Kiefergelenksdysfunktionen (CMD) und ihre Therapie

„Zähne zusammenbeißen und durch.“ – was in vielen Lebenssituationen nach einem guten Rat klingt, kann manchmal auch zu ungeahnten Problemen führen.

Ohne es zu wissen, leiden viele Menschen unter den Folgen sogenannter craniomandibulärer Dysfunktionen (CMD) – Fehlfunktionen des Kiefergelenks. Das Tückische dabei: nicht immer zeigen sich diese in Form von Kieferschmerzen.

Die Symptome entwickeln sich in der Regel schleichend und sind häufig nicht am Kiefer zu finden. Daher bleiben diese oft unentdeckt, nehmen aber erheblichen Einfluss auf unser tägliches Wohlbefinden.

Aus diesen Gründen lohnt es sich, einen Blick auf die Hintergründe und häufigsten Anzeichen einer Kiefergelenksfehlfunktion zu werfen.

Ein kleines Gelenk mit großem Einfluss 

Das menschliche Kiefergelenk ist einzigartig und erstaunlich komplex. Es verbindet den Unterkiefer mit dem Schädel und ermöglicht uns täglich eine Vielzahl von Aktivitäten: vom Sprechen und Gähnen bis hin zum Kauen und Schlucken. Mithilfe verschiedener Stützmuskeln bewegt es unseren Kiefer vorwärts und rückwärts, auf und ab sowie seitwärts. 

Das Kiefergelenk ist dank seiner Muskulatur außerdem unglaublich kräftig: Die Kaumuskulatur ist der stärkste Muskel des Körpers. Sie ist in der Lage eine Kraft von bis zu 800 Nm zu erzeugen – und könnte damit über 80 Kilo bewegen. 

Bei so viel Kraft, die auf zwei winzigen Gelenken in der Größe von Murmeln lastet, ist es nicht verwunderlich, dass Fehlstellungen hier Chaos anrichten können.

Fehlfunktionen des Kiefergelenks oder Gebisses

Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) sind Funktionsstörungen im Zusammenspiel zwischen Kiefergelenken, Kaumuskulatur und Zähnen. 

Ihre Bezeichnung leitet sich von den lateinischen Begriffen “cranium”, dem Schädel und “mandibula”, dem Unterkiefer ab. Arbeiten diese beiden nicht ordnungsgemäß zusammen, kann es zu einer sogenannten Dysfunktion (Fehlfunktion) kommen.

CMD sind, wie der Name schon sagt, eigentlich “nur” Fehlfunktionen und für sich noch keine Krankheit.

Sie bestehen sogar meist schon seit dem Jugendalter. In dieser Phase ist der Körper jedoch noch gut in der Lage, Probleme im Zusammenhang mit Biss- oder Kieferfehlstellung zu kompensieren. Bei manchen Menschen muss es auch gar nicht zu weiteren Problemen kommen, da ihr Körper es schafft sich dauerhaft anzupassen. 

Im Laufe der Zeit können CMD eine Reihe unangenehmer oder schmerzhafter Symptome verursachen, deren Ursache häufig übersehen wird. 

Nicht immer müssen sich CMD nämlich in Form von Kieferschmerzen manifestieren. Der Grund dafür sind feine Nervenverbindungen zwischen den Gelenken im Kiefer-, Kopf und Beckenbereich. Bereits kleine Fehlstellungen können enormen Druck auf diese ausüben. Tritt bei einem Gelenk eine Fehlbelastung auf, können folglich auch die anderen Gelenke schmerzen. 

Das Kiefergelenk kann somit Beschwerden im Lenden-Becken-Bereich verursachen („absteigende Belastung“). Ebenso kann eine Fehlstellung der Wirbelsäule zu Dysfunktionen im craniomandibulären Bereich führen („aufsteigende Belastung“).

Häufig schreit unser Kiefergelenk bereits nach Aufmerksamkeit, doch leider an den falschen Stellen. So werden CMD leider häufig übergangen.

6 Signale, mit denen dein Kiefergelenk versuchen könnte, deine Aufmerksamkeit zu erregen:

1. Kopfschmerzen oder Migräneanfälle

Regelmäßige Kopfschmerzen sind eines der häufigsten Symptome im Zusammenhang mit craniomandibulären Dysfunktionen (CMD). Rund 80 Prozent der Menschen mit Kiefergelenksproblemen leiden unter Kopfschmerzen.

Können deine Kopfschmerzen auch durch typische Medikamente und Therapien nicht gelindert werden und bestehen langfristig, könnte dein Kiefergelenk daran schuld sein.

Auch die Tageszeit, zu der deine Kopfschmerzen auftreten, könnte einen Hinweis auf ihre Ursache geben. Treten die Kopfschmerzen besonders nach dem Aufstehen auf, könnte dies ein Hinweis auf nächtlichen Bruxismus sein – das unwillkürliche Knirschen und Aufeinanderpressen der Zahnreihen.

2. Schwindel und Gleichgewichtsstörungen

Sowohl Schwindel, als auch Gleichgewichtsstörungen können Symptome einer CMD sein.

Typische Anzeichen von Schwindel sind z.B. eine verschwommene oder dunkle Wahrnehmung. Häufig hat man auch das Gefühl, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren. 

Bei Gleichgewichtsstörungen hingegen fühlt man sich, als stünde man auf dem Deck eines Schiffes. Es fällt schwer, gerade zu stehen oder zu laufen.

Schwindel und Gleichgewichtsstörungen können bei Menschen mit Kiefergelenksstörungen separat oder zusammen auftreten.

3. Ohrenschmerzen oder Tinnitus

Ohrenschmerzen oder Tinnitus (Ohrgeräusche) können im Alltag besonders unangenehm sein. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte behandeln diese Symptome häufig mit Medikamenten.

Probleme mit den Ohren können jedoch auch durch Nervenreizungen aufgrund von CMD hervorgerufen werden. Ursächlich können hier auch Veränderungen an der Schädelbasis oder durch Funktionsstörungen der Nackenmuskulatur sein.

4. Schmerzen in Gesicht, Nacken oder den Schultern

CMD manifestieren sich manchmal auch als Schmerzen im Gesicht, Nacken oder in den Schultern.

Wie bereits beschrieben kann eine Reizung der Nerven im craniomandibulären Bereich sich nämlich nicht nur auf Zähne, sondern auch andere Stellen des Kopfes und Gesichts übertragen und dort zu Schmerzen führen (auch als Schmerzprojektion bezeichnet).

Einige Betroffene klagen z.B. über chronische Sinusschmerzen (Nasennebenhöhlenschmerzen) – jedoch ohne die Anzeichen einer Infektion.

Auch Augenschmerzen, ungeklärte Zahnempfindlichkeit oder Steifheit im Nackenbereich können auf CMD hinweisen.

5. Kognitive Schwierigkeiten

Wenn Kiefer und Schädel nicht richtig ausgerichtet sind, verlangsamt sich unter Umständen Flüssigkeitsaustausch zwischen Kopf und Körper. Dadurch kann es zu einer Beeinträchtigung des Denkvermögens kommen.

Auch die Auswirkungen chronischer Schmerzen aufgrund von CMD sind nicht zu unterschätzen. Diese beeinträchtigen nicht nur unsere Konzentrationsfähigkeit, sondern können im schlimmsten Fall sogar Auslöser von Depressionen oder Angstzuständen sein.

6. Rückenschmerzen

Wie bereits beschrieben, können CMD zu einer „absteigenden Belastung“ führen und so z.B. Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS) verursachen.

Schmerzsymptome in diesem Bereich sind besonders tückisch, da der Zusammenhang zu den ursächlichen Kieferproblemen nicht offensichtlich ist.

Was sind die Ursachen einer CMD?

Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) entstehen in der Regel aufgrund einer Schwäche oder Krankheit in folgenden Bereichen: Struktur (z.B. Zähne, Kiefer, Halswirbelsäule), Stoffwechsel oder Psyche.

Eine effektive CMD-Behandlung muss daher gleichzeitig alle drei Aspekte berücksichtigen. 

Zu typischen konkreten Ursachen für Kiefergelenkstörungen zählen z.B.:

  • Zahnprobleme, einschließlich Fehlstellungen des Gebisses
  • Fehlstellungen der Kiefergelenke oder Muskelverspannung
  • Verletzung von Kopf oder Nacken
  • Degenerative Erkrankungen
  • Chronischer Stress oder Anspannung
  • Übermäßiger Verzehr von Kaugummi oder das Kaufen der Fingernägel
  • Chronisches Zähneknirschen
  • Eine häufige Fehlhaltung des Kopfes, zum Beispiel durch Schlafen auf dem Bauch
  • Schlechte Sitzhaltung

Diagnose von CMD

Die erste Person, die eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) in der Regel bemerkt, ist der Zahnarzt.

Für eine eindeutige Diagnose führt dieser eine manuelle Funktions- und Strukturanalyse durch. Hierbei achtet er auch auf Schmerzreaktionen oder besondere Empfindlichkeit. Nach einer ausführlichen Anamnese überprüft er dann die Funktionsfähigkeit von Muskulatur und Kiefergelenken.

Ergänzend können bildgebende Untersuchungsverfahren wie Röntgen, Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) dem Arzt helfen, sich ein umfassendes Bild des Kieferbereichs zu machen.

Therapie von CMD

Da craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) wie beschrieben meist verschiedene Ursachen haben, setzt eine effektive Therapie auf mehreren Ebenen an.

Wenn eine CMD vorliegt, wird dem Patienten in der Regel als Erstmaßnahme eine Aufbissschiene angefertigt. Dadurch kann der Biss entkoppelt, Fehlkontakte der Zähne neutralisiert und die Kiefergelenke entlastet werden. 

Diese Schiene hilft oft schnell Schmerzen zu lindern oder sogar auszuschalten.

Mit einer reinen Schienentherapie ist den meisten Patienten jedoch nicht geholfen, da hierbei nicht die Ursachen der Dysfunktionen adressiert werden. So ist die Gefahr groß, dass die Schmerzen nach einiger Zeit wieder kommen. 

Als effektive Therapie hat sich deshalb eine Kombination aus Schienentherapie und Manualtherapie (Physiotherapie) oder Osteopathie bewährt. 

Das Dreamteam: Zahnarzt und Physiotherapeut

Damit die Behandlung erfolgreich verlaufen kann, ist es sehr wichtig, dass Zahnarzt und Physiotherapeut eng zusammenarbeiten und die Therapie Hand in Hand gestalten. Beide Fachbereiche sollten sich laufend austauschen und den Behandlungsplan gemeinsam anpassen.

Auch die Einbindung des Patienten in die Therapie ist von Bedeutung: Dieser sollte verstehen, welche Schritte für die Therapie notwendig sind und was er durch eigenes Engagement zur Heilung beitragen kann.

Bitte beachte: Nicht jeder Physiotherapeut verfügt über die nötigen Zusatzqualifikationen für die Behandlung von CMD. Es gibt Physiotherapeuten mit speziellen CMD-Fortbildungen, die für eine derartige Behandlung konsultiert werden sollten.

Physiotherapie bei CMD

Natürlich muss jeder Behandlungsplan individuell auf die Problemstellungen des jeweiligen Patienten zugeschnitten werden. Es gibt aber grundlegende Behandlungsmethoden, die Physiotherapeuten fast immer im Zuge der Behandlung von craniomandibulären Dysfunktionen (CMD) anwenden.

Zunächst erstellt der Physiotherapeut eine ausführliche Anamnese, in der die Beschaffenheit von Gewebe, Muskeln, Haut und Bewegungssegmenten analysiert wird. Im Fokus steht hier vor allem die Halswirbelsäule, da Probleme in diesem Bereich oft mit CMD zusammenhängen.

Je nach Befund wird dann ein Behandlungsplan erstellt. Die Therapie setzt sich in der Regel aus folgenden Maßnahmen zusammen:

  • Manualtherapie
  • physikalische Therapie (Kälte- und Wärmebehandlungen)
  • Massagetherapie
  • Dehntechniken
  • Tape-Behandlungen (Kinesio-Tape)

Um den langfristigen Behandlungserfolg zu gewährleisten, werden dem Patienten meist auch „Hausaufgaben“ mitgegeben: Zusätzliche Übungen, die ihm der Physiotherapeut vorher gezeigt hat und die er zu Hause absolvieren soll.

Dazu gehört auch die Schulung der eigenen Körperwahrnehmung, eine Korrektur der eigenen Haltung sowie die stetige Kontrolle der eigenen Motorik.


Die Symptome von craniomandibuläre Dysfunktionen können also einen erheblichen Einfluss auf unsere tägliche Lebensqualität nehmen. Leider übersehen wir sie jedoch häufig, weil sie sich nicht immer als Kieferschmerz manifestieren.

Solltest du eines oder mehrere der oben genannten Symptome bei dir bemerken, empfiehlt es sich als erstes, den Zahnarzt deines Vertrauens aufzusuchen. Sprich diesen auch aktiv auf physiotherapeutische Maßnahmen an.

Bei der Wahl deines Physiotherapeuten ist es wichtig, darauf zu achten, dass dieser über die nötigen Spezialkenntnisse für craniomandibuläre Dysfunktionen verfügt. Nur so kann dir dauerhaft geholfen werden. 

Bei Fragen stehen wir dir natürlich gerne jederzeit zur Verfügung.